Schach für die moderne Jugend

Eugen78 (7. Januar 2003 11:05)

Die moderne Spieleindustrie nimmt immer mehr zu, was sich auch auf die klassischen Spiele auswirkt. Gab es früher neben Dame, Mühle, Schach und Zwergenwerfen nicht viel Konkurenz, so sehen wir uns heute einem riesigen Angebot an Computerspielen gegenüber, die eine neue Spielegeneration definieren. Dennoch sollten traditionelle Spiele wie Schach nicht ganz vergessen werden, weshalb ich mir ein nagelneues Schachspiel gekauft und ausführlich getestet habe.

Zur Schachtel gibt es an sich nicht viel zu sagen, eher plumpes Design, dafür ordentlich schwer. Von außen sieht man einen recht einfachen Screenshot ohne viel Werbekram. Das Spiel ist ohne Alterbeschränkung erhältlich.

So, kommen wir gleich zu den Figuren. Davon gibt es ganz viele verwirrende verschiedene Farben und Formen. Das soll uns jetzt erstmal egal sein. Unter den Figuren findet ihr in der Regel so kleine Filzstücke, die muss man vorher abmachen, die gehören zur Verpackung. Die meisten sind nur zu faul dazu, echte Profis spielen ohne diese Anfängerhilfswerkzeuge.

Nun wenden wir uns dem Schachbrett zu, dieses ist sofort Betriebsbereit, man muss es nicht extra einschalten oder installieren, benötigt auch keine Batterien, 3D Karte oder mehr RAM, allerdings gibt es auch keine Maus. Man kann sofort mit dem Spielen loslegen, das ist bei unseren Test sehr positiv aufgefallen.

Als Spielfläche dient dieses mitgelieferte Brett mit den bunten Vierecken. Hier sind die Optionen allerdings recht eingeschränkt, es gibt keine Auswahlmöglichkeiten wie z.B.: verschiedene Planetenoberflächen, Wald und Wiesen, Wüste, Wasserkarten, Insellandschaften, Lava oder Kristallkarten, auch keine Metallkarten. Alle Spiele finden immer auf der gleichen Karte statt, was die strategischen Überlegungen auf ein Mimimum reduziert. Positiv ist daran bestenfalls, dass man sich nicht mühsam einüben und entscheiden muss. Brett hin und los gehts.

Nicht so toll ist auch, dass man vor dem Spiel die Figuren selbst aufstellen muss, das ist etwas mühsam. Hier würde man sich ein Autosetup wünschen. Insbesondere, weil die Figuren immer gleich aufgestellt werden müssen. Auch hier kann man sich nicht frei entscheiden, sondern folgt einem immer gleichen Schema, das auf Dauer schnell langweilt.

Die Figuren selbst unterscheiden sich kaum. Es sind alles Landeinheiten, die sich nur auf einer Ebene des Brettes bewegen können. Es gibt keine Schiffe, Flieger, U-Boote und keine Hoovercrafts, was aufgrund der immer gleichen Landkarte ohne Wasser auch nicht viel Sinn machen würde. Nachdem alles aufgestellt wurde, fällt einem schnell die völlig leblose Umgebung auf. Die Figuren sind völlig starr und nicht im geringsten animiert. Es gibt keine neutralen Figuren, die die Landschaft etwas aufpäppeln. Etwa sowas wie Zivilisten, die man je nach Tageslaune beschützen oder einfach niedermeucheln, überfahren, verbrennen oder atomisieren kann.

Auch gibt es keine sonstigen Gimmiks wie Fabriken, Resourcen, Bonusfelder oder Reenforcements. Was heißt, mit den lächerlich wenigen Figuren muss man auskommen. Wer seinen Gegner gerne mal mit hunderten von Einheiten plattwalzt kommt hier garantiert nicht auf seine Kosten.

Das Spiel beginnt sobald der erste Spieler einen Zug macht. Der andere Spieler muss solange warten, was stinklangweilig ist. Statt den anderen mit schnellen Zügen und viel Übung einfach auszumanövrieren, muss man immer warten, was wieder eine strategische Variante aus dem Spiel nimmt. Hinzu kommt, dass ohnehin nur maximal 2 Spieler gleichzeitig möglich sind. Man kann auch keine Computergegner hinzunehmen, um die Sache etwas aufzupeppen. Um als einzelner spielen zu können, muss man ein teures Upgrade kaufen, das dann Schachcomputer heißt.

Während das Spiel etwas dröge dahinfließt vermisst man sehr bald einige Features, die in vielen anderen Spielen schon lange Standard sind: Zaubersprüche wie Meteoritenregen, Vulkane oder Blutrünstig, technische Basteleien ala Atombomben, Riesengeschütze oder einfach nur mal eine D-Gun. Nichts dergleichen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass auch die Kämpfe völlig unspektagulär ablaufen. Keine Animation, kein Blut. Eine geschlagene Figur wird einfach nur vorsichtig herausgenommen. Nicht einmal emotional-wildes herauskicken wird gerne gesehen.

Enttäuschend ist auch, dass man nicht mehrere Spielstände abspeichern kann. Schlecht die Undofunktion, die nur soweit zurückgeht, wie man sich selbst erinnern kann. Um Remote- oder gegen einen Computergegner spielen zu können muss man teure Zusatzgeräte kaufen, die nicht beiliegen und was auch nicht auf der Packung vermerkt war. Durch die immer gleichen Anfangsparameter kommt nicht sehr viel Abwechslung ins Spiel und lässt auch nur sehr begrenzte strategische Möglichkeiten zu. Um wirklich Profi zu werden kauft man ein Buch lernt man die paar Strategien einfach auswenig.

Alles in allem ein langweiliges Spiel, das keinerlei Langzeitmotivation in sich birgt. Völlig ohne Hintergrundstory will auch keine richtige Stimmung aufkommen, man ist kaum motiviert den nächsten Level anzugehen, weil man weder Punkte noch Orden bekommt und alles gleich aussieht. Es ist gnadenlos schlecht und billig gemacht und kann mit keinem anderen neuzeitlichen Spiel konkurieren. Über miese Marketing-Tricks ist man nachträglich gezwungen, sich weitere Zusatzprodukte zu kaufen, was einem vorher niemand gesagt hat. Das einzig wirklich positive ist, dass man keine Batterien braucht.

Ich kann von Schach wirklich nur abraten!

mfg
Eugen

Quelle: heise online-Leserforum


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Stand 2008-06-27   Email

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